Gestern hat Erkan Taş das 665. Kırkpınar gewonnen, von Kopf bis Fuß mit Olivenöl eingerieben. Allein für die drei Turniertage in Edirne wurden dieses Jahr zwei Tonnen Öl angeliefert. Es ist der laut Guinness älteste durchgehend ausgetragene Sportwettbewerb der Welt, und ohne Olivenöl gäbe es ihn nicht.
Warum reiben sich die Ringer mit Olivenöl ein?
Weil das Öl jeden Griff zunichtemacht. Ein eingeölter Körper lässt sich kaum fassen, rohe Kraft rutscht einfach ab. Wer beim Öl-Ringen (auf Türkisch yağlı güreş) gewinnen will, braucht deshalb kein Übermaß an Muskeln, sondern Geduld und Technik.
Der Griff, der am Ende zählt, geht durch die ledernen Hosen, die kıspet, die die Ringer als einziges Kleidungsstück tragen. Wer gewinnt, trägt ein Jahr lang den Titel des Başpehlivan, des Oberringers, und den goldenen Gürtel. Das Öl verschiebt damit die ganze Logik des Kampfes: Es belohnt nicht den Stärksten, sondern den Geduldigsten.
Warum ausgerechnet Olivenöl und kein anderes Öl?
Weil bei diesem Turnier die Qualität des Öls tatsächlich eine Rolle spielt, selbst wenn es nie eine Küche sieht. Olivenöl hat einen niedrigen Säuregrad, es brennt nicht in den Augen, schützt die Haut in der prallen Sommerhitze und lässt sich sauber und gleichmäßig verteilen. Bei kleineren Ringveranstaltungen wird manchmal auf andere Öle ausgewichen; beim Kırkpınar ist Olivenöl gesetzt.
Für mich als Produzent ist das ein vertrauter Gedanke: Ein niedriger Säuregrad ist auch in der Flasche eines der ersten Qualitätsmerkmale, auf das ich achte. Dass ausgerechnet dieser Wert entscheidet, ob ein Öl fürs Ringen taugt, sagt einiges darüber, wie ernst man dieses Lebensmittel an der Ägäis nimmt.
Wie alt ist die Tradition des Öl-Ringens?
Beim Kırkpınar ringen Männer seit 1362. Osmanische Chroniken belegen das Turnier Jahr für Jahr, und das Guinness-Buch führt es als ältesten durchgehend ausgetragenen Sportwettbewerb der Welt. Seit 2010 steht das Öl-Ringen zusätzlich auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes.
Jedes Jahr treten rund tausend Pehlivanlar an und ringen drei Tage lang in immer kleineren Runden, bis ein einziger Sieger übrig bleibt. Eröffnet wird jeder Kampf mit dem Peşrev, einer zeremoniellen Begrüßung, die Gebet, Aufwärmen und Ritual in einem ist, ausgeführt auf einer eingeölten Wiese, unter freiem Himmel, so wie vor Jahrhunderten.
Die Idee dahinter ist noch viel älter als das Turnier. Schon in der griechischen Antike salbten sich Ringer und Athleten mit Olivenöl, bevor sie in der Palästra antraten. Hinterher schabten sie es mit einem gebogenen Schaber, der Strigilis, wieder von der Haut. Vorformen des Öl-Ringens reichen sogar Jahrtausende weiter zurück, bis in die frühen Hochkulturen. Der Griff nach dem Ölkrug vor dem Kampf verbindet Edirne also mit einer Linie, die tief in die Antike führt.
Was hat das Öl-Ringen mit Lesbos und Griechenland zu tun?
Von unseren Hainen auf Lesbos aus sieht man an klaren Tagen die türkische Küste liegen. Die Meerenge dazwischen ist schmal, und beim Olivenöl waren sich beide Seiten der Ägäis offenbar schon immer einig: dieselbe Frucht, dieselbe Verehrung, nur andere Wörter dafür.
Genau das ist für mich der eigentliche Punkt. Olivenöl ist an dieser Küste nie nur Lebensmittel gewesen. Es war Medizin, Kosmetik, Brennstoff, Licht, Opfergabe. Und eben auch das Material, mit dem ein ganzes Land seinen Nationalsport austrägt. Wenn zwei Ringer eingeölt in der Sonne von Edirne stehen, steht dahinter dieselbe Kultur, die ein paar Seemeilen weiter auf Lesbos die Olive erntet.
Wer einmal an so einer Wiese stand, kennt den Geruch: Olivenöl, frisch gemähtes Gras und Sonne. Es ist derselbe Duft, der an einem guten Erntetag über unseren Hainen liegt, nur in eine andere Sprache übersetzt.
Zwei Tonnen Öl: der Blick eines Produzenten
Ich gebe zu: Als Produzent zucke ich kurz bei dem Gedanken, dass zwei Tonnen Öl auf Ringerhaut landen statt in einer Pfanne. Jeder Liter, den wir auf Lesbos ernten, ist das Ergebnis eines ganzen Jahres Arbeit, von der Blüte im Frühjahr bis zur Handernte im Spätherbst.
Andererseits sagt genau das etwas aus. Man muss ein Lebensmittel schon sehr ernst nehmen, um ihm den eigenen Nationalsport anzuvertrauen. Ein Volk, das seit über 650 Jahren jedes Jahr Tonnen von Olivenöl für ein einziges Turnier bereitstellt, hat zu diesem Öl ein Verhältnis, das über Kochen weit hinausgeht. Und dieses Verhältnis teile ich.
Mehr als ein Fett
Das Kırkpınar ist eine der eindrücklichsten Erinnerungen daran, was Olivenöl eigentlich ist: kein austauschbares Fett, sondern ein Kulturgut mit Jahrtausenden Geschichte. Es ernährt, es heilt, es pflegt. Und einmal im Jahr entscheidet es in Edirne darüber, wer der stärkste, geduldigste Ringer des Landes ist.
Unser natives Olivenöl extra kommt aus genau diesen Hainen in Sichtweite der türkischen Küste, kaltgepresst, aus eigener Ernte. Du findest es in unserem Shop.