Lesbos: warum die Hälfte der Oliventerrassen aufgegeben ist

Lesbos: warum die Hälfte der Oliventerrassen aufgegeben ist

Auf Lesbos kommen auf jeden Einwohner rund 126 Olivenbäume. Das ist mit Abstand das höchste Verhältnis weltweit. Gleichzeitig wird ungefähr die Hälfte der terrassierten Haine nicht mehr bewirtschaftet. Beides gehört zusammen, und beides erklärt, warum Öl von dieser Insel selten und teuer ist.

Kurz gesagt: Auf Lesbos stehen etwa 11 Millionen Olivenbäume auf rund 45.000 Hektar, das entspricht 79 Prozent der bewirtschafteten Fläche und 28 Prozent der Inselfläche. Fast alles sind Kleinbauern mit wenigen Terrassen. Eine Luftbildauswertung schätzt den Anteil der aufgegebenen Terrassenhaine auf rund 50 Prozent. Der Grund ist wirtschaftlich, nicht klimatisch.

Wie viele Olivenbäume stehen auf Lesbos?

Rund 11 Millionen, verteilt auf etwa 45.000 Hektar. Damit ist der Olivenhain nicht eine Nutzung unter vielen, sondern die prägende Landschaft der Insel. Etwa 70 Prozent der Bäume gehören zur Sorte Kolovi, die es so nur hier gibt. Bei uns im Süden kommt Adramitiani dazu.

Kennzahl Wert
Olivenbäume auf Lesbos rund 11 Millionen
Fläche rund 45.000 Hektar
Anteil an der bewirtschafteten Fläche 79 Prozent
Anteil an der Inselfläche 28 Prozent
Einwohner rund 87.000
Bäume je Einwohner rund 126
Anteil der Sorte Kolovi rund 70 Prozent

Etwa die Hälfte der Haine liegt in Berglagen. Das ist der entscheidende Unterschied zu den großen Anbaugebieten in Spanien oder Nordgriechenland. Wo es steil wird, wird terrassiert, und wo terrassiert wird, kommt keine Maschine hin.

Wie viele Haine werden noch bewirtschaftet?

Etwa die Hälfte der Terrassenhaine nicht mehr. Dalaka und Petanidou haben den Anteil 2006 über Luftbildauswertung auf rund 50 Prozent der terrassierten Pflanzungen geschätzt. Der Wert liegt über dem, was Bauern selbst angeben, was daran liegt, dass viele aufgegebene Flächen Eigentümern gehören, die nicht mehr auf der Insel leben.

Der Trend dahinter ist älter und größer. In derselben Untersuchungsreihe wird ein Rückgang der Betriebe um 42,7 Prozent und der baumbestandenen Betriebe um 41,3 Prozent dokumentiert. In der Region Gera östlich von Mytilini wandeln sich im Schnitt 34 Hektar pro Jahr zurück in mediterranen Wald.

Aufgabe passiert selten als Entscheidung, meistens als Unterlassung. Erst wird nicht mehr geschnitten, dann wird nicht mehr geerntet, dann fällt eine Mauer. Von außen sieht der Hang zehn Jahre lang aus wie ein Olivenhain.

Warum sich eine Terrasse betriebswirtschaftlich nicht rechnet

Weil der Rohstoffpreis die Handarbeit nicht deckt. Wer seine Oliven als Rohware abgibt, wird nach Menge bezahlt, nicht nach Qualität. Auf einer Terrasse, an die kein Traktor kommt, wird mit Stöcken, Rechen und Netzen gearbeitet. Das kostet ein Vielfaches an Stunden pro Kilogramm gegenüber einer ebenen Fläche mit Schüttler.

Dazu kommt der Unterhalt, den niemand bezahlt. Eine Trockenmauer ohne Mörtel hält Jahrzehnte, wenn jemand nach jedem starken Winter die gelösten Steine zurücksetzt. Wenn nicht, öffnet sie sich an einer Stelle und gibt danach schnell nach. Einzeln gerechnet trägt sich diese Arbeit nie.

Der dritte Faktor ist Demografie. Wer die Terrassen kennt, ist oft über sechzig, und die nächste Generation lebt in Athen oder Deutschland. Ein Hain, der niemandem mehr vor Ort gehört, wird nicht aus Bequemlichkeit aufgegeben, sondern weil physisch niemand mehr da ist, der hochsteigt.

Was passiert, wenn eine Trockenmauer aufgegeben wird

Der Boden geht den Hang hinunter. Terrassen sind kein Dekor, sie sind Erosionsschutz. Sie brechen die Hangneigung, verlangsamen den Abfluss nach Starkregen und halten die Feinerde dort, wo die Wurzeln sind. Forschende der Universität der Ägäis auf Lesbos haben Landaufgabe und Hangneigung als die beiden entscheidenden Faktoren für Bodenerosion auf mediterranen Terrassenflächen beschrieben.

Der zweite Verlust ist ökologisch. Eine Untersuchung an 65 Flächen auf Lesbos hat die Pflanzenvielfalt in verschiedenen Bewirtschaftungsformen verglichen. Aufgegebene Haine hatten die geringste Zahl an Gliederfüßern und eine ärmere, wenn auch andersartige Flora. Bio bewirtschaftete Haine schnitten am besten ab. Der gepflegte alte Hain ist also nicht der Kompromiss zwischen Natur und Nutzung, er ist die beste verfügbare Variante.

Und mit dem Boden geht der Kohlenstoff. Ein Olivenhain speichert CO2 in Stamm, Wurzeln und Boden. Wenn die Feinerde nach dem ersten harten Regen im Bachbett liegt, ist der Bodenspeicher weg, unabhängig davon, ob die Bäume noch stehen.

Warum wir trotzdem von Hand ernten

Weil es an unseren Hängen keine andere Möglichkeit gibt. Wir bewirtschaften vier zusammenhängende Haine mit etwa 1.000 Bäumen im Süden der Insel, zwischen Plomari und Agia Barbara. Geerntet wird mit Stöcken, Rechen und Netzen, verarbeitet wird am selben Tag. In einem der Haine steht das Familienhaus, das 1989 gebaut wurde.

Dazu kommen die Familien, mit denen wir über die Jahre zusammenarbeiten. Wir füllen selbst ab, statt die Ernte als Rohware abzugeben. Das ist der einzige Hebel, über den bei den Menschen, die auf die Terrasse steigen, mehr ankommt als der Rohstoffpreis.

Unsere tausend Bäume ändern an der Statistik der Insel nichts. Wer im Sommer neu bei uns anfängt, läuft einmal durch die Haine, wenn die Sonne alles drumherum kahl brennt und die Oliven noch knackig am Baum sitzen. Danach ist die Frage, warum wir uns diesen Aufwand antun, meistens beantwortet.

Häufige Fragen

Welche Olivensorten wachsen auf Lesbos?

Vorherrschend ist Kolovi mit rund 70 Prozent des Bestands, eine Sorte, die praktisch nur auf Lesbos vorkommt. Im Süden der Insel kommt Adramitiani dazu. Beide ergeben eher milde, fruchtige Öle, was ein Grund dafür ist, dass lesbisches Öl geschmacklich anders liegt als kretisches.

Wie viel Olivenöl produziert Lesbos im Jahr?

Im Durchschnitt etwa 20.000 Tonnen, mit starken Schwankungen zwischen den Jahren. Der Olivenbaum trägt in einem natürlichen Wechsel von ertragreichen und schwachen Jahren, dazu kommen Wetter und Fruchtansatz. Zwei aufeinanderfolgende Jahre mit identischer Menge sind auf der Insel die Ausnahme.

Warum ist Öl von Lesbos so wenig bekannt?

Weil die Insel jahrzehntelang Rohware geliefert hat. Ein großer Teil der Ernte ging und geht in den Handel, ohne dass die Herkunft auf der Flasche landet. Wer selbst abfüllt und die Lage benennt, ist auf Lesbos eher die Ausnahme als die Regel.

Kann man einen aufgegebenen Hain wieder in Betrieb nehmen?

Ja, aber es dauert. Zurückgeschnittene alte Bäume treiben zuverlässig wieder aus, und der Wurzelstock ist der wertvolle Teil. Aufwendig ist die Mauer. Eine verfallene Trockenmauer neu zu setzen ist Handarbeit, die kaum jemand noch beherrscht, und sie muss vor der ersten Ernte fertig sein.

Fazit

Die Zahl, die zählt, ist nicht die Zahl der Bäume, sondern die Zahl der Menschen, die noch hochsteigen. Eine Terrasse ohne Mensch ist in fünfzehn Jahren ein Waldstück, und dann sind Boden, Mauer und Sorte weg. Was einen alten Hain rettet, ist nicht Nostalgie, sondern ein Preis, der die Stunden bezahlt.

Wenn du wissen willst, wie Öl von diesen Hängen schmeckt: Jordan Olivenöl ist der milde, fruchtige Allrounder, Bambatsa das früh geerntete, deutlich herbere Öl, das Bio die kräftigere Variante. Alle drei von unseren eigenen Grundstücken, von Hand geerntet.

Einfach, ehrlich, gut.

Stand: August 2026. Geprüfte Quellen: Dalaka und Petanidou (2006), Kizos et al., Agriculture and Human Values (2009), Universität der Ägäis zur Bodenerosion (2006), Vegetationsstudie Lesbos (2020 und 2021).

Über Bastian Jordan

Viele Beiträge stehen im Zusammenhang mit der Arbeit von Bastian Jordan, der Jordan Olivenöl in dritter Generation weiterentwickelt.

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