Sauerstoff in der Ölmühle: warum wir kühler und kürzer kneten

Sauerstoff in der Ölmühle: warum wir kühler und kürzer kneten

Ein guter Hain macht noch kein gutes Öl. Kaputt machen kannst du es in der Mühle in zwei Stunden. Seit ein paar Tagen steht bei uns eine neue Anlage: Malaxer in Reihe, jeder eine geschlossene Kammer mit reduziertem Sauerstoff, davor eine neue Waschanlage. Gesteuert wird alles digital.

Kurz gesagt: Im Malaxer wird die gemahlene Olivenmaische langsam geknetet, damit sich die Öltröpfchen abtrennen lassen. Genau dort frisst Sauerstoff die Polyphenole weg, weil er zwei Enzyme in der Frucht aktiviert. Wird der Sauerstoff begrenzt, steigt der Phenolgehalt im fertigen Öl je nach Untersuchung deutlich, in einem Fall um rund 50 Prozent. Deshalb geschlossene Kammern.

Was passiert im Malaxer mit dem Sauerstoff?

Er startet den Abbau der Polyphenole, und zwar enzymatisch. In der Olive stecken zwei Enzyme, Polyphenoloxidase und Peroxidase. Solange die Frucht ganz ist, passiert nichts. In dem Moment, in dem der Brecher die Zellwände öffnet, treffen Enzyme, Phenole und Luftsauerstoff aufeinander. Von da an läuft eine Uhr.

Der Malaxer ist die längste Phase in diesem Prozess. Die Maische wird dort 20 bis 60 Minuten bewegt, damit kleine Öltröpfchen zu größeren verschmelzen und der Dekanter sie abtrennen kann. Was in dieser Zeit an Sauerstoff im Kopfraum der Kammer steht, arbeitet gegen dich.

Eine geschlossene Kammer löst das Problem fast von selbst. Die Maische zehrt den vorhandenen Sauerstoff in kurzer Zeit auf, danach entsteht eine natürliche Schutzatmosphäre in der Kammer. Dafür braucht es keine Stickstoffzugabe, es reicht, den Deckel dicht zu machen. Beschrieben haben das unter anderem Amirante, Parenti und Servili in mehreren Arbeiten zur Malaxertechnik.

Wie viel Polyphenol kostet Sauerstoff?

In der Übersichtsarbeit, die 2023 in der Fachzeitschrift Foods erschienen ist, wird ein Anstieg des Phenolgehalts von rund 50 Prozent berichtet, wenn der Sauerstoff im Knetschritt begrenzt wird. Die Autoren halten fest, dass in der gesamten von ihnen gesichteten Literatur ein Anstieg gemessen wurde, im Labor, im Pilotmaßstab und im Industriebetrieb.

Stellschraube Wirkung auf den Phenolgehalt Quelle
Sauerstoff im Malaxer begrenzen Anstieg, in einem Fall um rund 50 Prozent Übersichtsarbeit in Foods, 2023
Knetzeit über 90 Minuten Rückgang um bis zu 70 Prozent Diamantakos et al., Molecules, 2020
Knetzeit rund 20 bis 30 Minuten Optimum, danach fällt der Gehalt wieder Marx et al., Übersichtsarbeit, 2025

Der Zusammenhang mit der Zeit ist keine Gerade, sondern eine Glocke. Erst steigt der Phenolgehalt, weil die Verbindungen aus der festen in die flüssige Phase übergehen. Dann kippt es, und Oxidation und Enzyme holen sich zurück, was du gewonnen hast. Wo genau der Umschlagpunkt liegt, hängt von der Sorte ab. Für unsere Sorten Adramitiani und Kolovi gilt eine andere Kurve als für spanische Sorten.

Warum wir kühler und kürzer kneten als möglich wäre

Weil Wärme und Zeit die Menge erhöhen und den Charakter kosten. Wärmer und länger kneten bringt mehr Öl aus derselben Maische. Es kostet Schärfe, Bitterkeit und Haltbarkeit, weil genau die Polyphenole verschwinden, die das Öl stabil und interessant machen. Wir fahren kühler und kürzer und nehmen die kleinere Menge in Kauf.

Neu ist daran nicht die Entscheidung, sondern die Kontrolle. Temperatur und Knetzeit stehen nicht mehr nach Gefühl am Rad, sondern sind eingestellt und werden protokolliert. Für uns heißt das, dass wir nach der Saison nachlesen können, unter welchen Bedingungen ein Öl entstanden ist, das im Panel besonders gut abgeschnitten hat. Vorher war das Erfahrung, jetzt sind es Daten.

Die gesetzliche Grenze für die Angabe Kaltextraktion liegt bei 27 Grad. Das ist eine Obergrenze, kein Ziel. Zwischen 25 und 32 Grad bewegen sich Menge und Phenolgehalt in entgegengesetzte Richtungen, und wer nur auf die Grenze schaut, hat die Frage nicht verstanden.

Was die Waschanlage vor dem Brecher leistet

Sie hält Blätter und Steine aus dem Brecher heraus. Das klingt nach Nebensache, schmeckst du aber im November im Glas. Blätter bringen eine grasige, manchmal bittere Note ins Öl, die nichts mit der Frucht zu tun hat. Steine und Erde belasten den Brecher und tragen mikrobielle Fracht ein.

Bei uns wird von Hand geerntet und noch am selben Tag verarbeitet. Trotzdem kommt an einem Hang, an dem mit Stöcken und Rechen gearbeitet wird, immer Material mit, das nicht in die Mühle gehört. Die Handverlesung im Hain fängt das meiste ab, die Waschanlage den Rest.

Warum getrennte Kammern getrennte Chargen bedeuten

Jeder Hain läuft für sich durch, nichts wird vermischt. Das ist der eigentliche Grund, warum die Malaxer in Reihe stehen und nicht als ein großes Becken. Bei industriellen Mengen ist diese Trennung nicht mehr darstellbar, weil die Anlage durchlaufen muss.

Für uns hat das zwei Folgen. Erstens schmeckst du den Unterschied zwischen den Lagen, weil er nicht weggemischt wird. Der Hain am Hang oben wird später geerntet als der unten, und das bleibt im Glas erkennbar. Zweitens ist jede Charge rückverfolgbar bis auf die Fläche. Wir sind IFS-zertifiziert, jeder Schritt ist dokumentiert.

Bastian Jordan, Geschäftsführer, Olivenbauer und zertifizierter Olive Oil Sommelier, verkostet die Chargen einzeln, bevor entschieden wird, was in welche Flasche geht. Ohne getrennte Kammern gäbe es diese Entscheidung gar nicht mehr zu treffen.

Häufige Fragen

Was ist ein Malaxer?

Ein temperierter Kneter, in dem die gemahlene Olivenmaische langsam bewegt wird, bevor sie in den Dekanter geht. Ziel ist, dass sich feine Öltröpfchen zu größeren verbinden und leichter abgetrennt werden können. Über Temperatur und Knetzeit steuert der Müller das Verhältnis von Menge zu Phenolgehalt.

Bedeutet kaltextrahiert automatisch hoher Polyphenolgehalt?

Nein. Kaltextraktion heißt nur, dass bestimmte Schritte 27 Grad nicht überschreiten. Über die Knetzeit, den Sauerstoff im Malaxer und vor allem über den Erntezeitpunkt sagt die Angabe nichts. Ein spät geerntetes Öl kann kaltextrahiert sein und trotzdem wenig Polyphenole enthalten.

Warum wird nicht überall mit geschlossenen Malaxern gearbeitet?

Weil die Umstellung Geld kostet und die gewonnene Qualität nur dann bezahlt wird, wenn der Betrieb selbst abfüllt und vermarktet. Wer sein Öl als Rohstoff abgibt, wird nach Menge bezahlt, nicht nach Phenolgehalt. Die Technik allein löst dieses Problem nicht.

Schmeckt man den Unterschied wirklich?

Ja, vor allem an Schärfe und Bitterkeit im Abgang. Polyphenole sind genau die Verbindungen, die im Hals kratzen. Ein Öl mit hohem Gehalt wirkt lebendiger und bleibt deutlich länger stabil. Beides ist im direkten Vergleich zweier Chargen gut nachvollziehbar.

Fazit

Zwischen einer guten Olive und einem guten Öl liegen etwa zwei Stunden, in denen alles verloren gehen kann. Geschlossene Kammern, kurze Wege und protokollierte Werte sind kein Marketingthema, sondern der Unterschied zwischen einem Öl, das nach Frucht schmeckt, und einem, das flach bleibt.

Wie sich das im Glas auswirkt, merkst du am ehesten im Vergleich. Jordan Olivenöl ist der milde, fruchtige Allrounder, Bambatsa das früh geerntete, deutlich herbere Öl aus derselben Mühle, und das Bio hat die kräftigere, erdigere Handschrift.

Einfach, ehrlich, gut.

Mehr zum Thema: Sommer in der Ölmühle: warum jede Stunde nach der Ernte zählt

Stand: August 2026. Geprüfte Quellen: Foods (2023), Diamantakos et al., Molecules (2020), Marx et al. (2025), Amirante und Parenti zur Malaxertechnik.

Über Bastian Jordan

Viele Beiträge stehen im Zusammenhang mit der Arbeit von Bastian Jordan, der Jordan Olivenöl in dritter Generation weiterentwickelt.

Zur Personen-Seite

Balsamicos & Essige

Alle anzeigen