Läuft die noch? Warum Olivenöl heute nicht mehr gepresst wird

Läuft die noch? Warum Olivenöl heute nicht mehr gepresst wird

Kaum jemand sieht die alte Dampfmaschine und stellt nicht diese Frage: Läuft die noch? Die Antwort ist nein, seit Jahrzehnten nicht. Und genau darum geht es.

Kurz gesagt: In der Ölmühle in Skopelos auf Lesbos steht eine Dampfmaschine aus Manchester, gegossen von Peel, Williams & Peel. Sie arbeitet nicht mehr. Gepresst wird hier nichts, das Öl wird in geschlossenen Zentrifugen kalt extrahiert. Deshalb steht auf unseren Flaschen kaltextrahiert und nicht erste Kaltpressung. Diese Angabe erlaubt die EU nur für Öl aus einer hydraulischen Presse.

Woher kommt die Dampfmaschine in der Mühle?

Aus Manchester, und ihr Hersteller steht bis heute erhaben im Eisen: Peel, Williams & Peel. Das Gebäude der Mühle in Skopelos stammt nach unseren Unterlagen aus der Zeit um 1864, die Maschine kam wenig später dazu.

Die Firma ist gut dokumentiert. Peel, Williams & Peel arbeiteten im Soho Iron Works in der Pollard Street im Manchester-Viertel Ancoats und bestanden von 1798 bis 1887. Ein Manchester-Adressbuch von 1861 führt sie als Dampfmaschinenbauer, Eisen- und Messinggießer, Ingenieure, Mühlenbauer, Kessel-, Gasometer- und Hersteller hydraulischer Pressen. 1862 erhielten sie auf der Londoner Weltausstellung eine Medaille für ihre Maschinen (Science Museum Group).

Eine Maschine, die kurz nach 1864 auf einer griechischen Insel ankommt, fällt damit in die stärkste Phase dieser Gießerei. Und sie kommt aus einem Haus, das nicht nur den Antrieb baute, sondern auch die Presstechnik, die er antrieb. Wer im Herbst durch die Tür tritt, hört keine Maschine aus dieser Zeit. Er sieht sie.

Wie wurde damals Öl gewonnen?

Mit Druck, Lage um Lage. Die Oliven wanderten zuerst in den Kollergang, eine flache Schüssel mit hochkant rotierenden Steinen, in der sie mitsamt Kernen zu Brei gemahlen wurden. Dieser Brei wurde dünn auf runde Pressmatten gestrichen, die Matten zu einem Turm gestapelt und der Turm unter eine hydraulische Presse gestellt.

Der Druck presste ein Gemisch aus Öl und Fruchtwasser heraus, das anschließend absetzen oder getrennt werden musste. Es ist ein diskontinuierliches Verfahren: aufstreichen, stapeln, pressen, abräumen, reinigen, neu beginnen. Genau so haben Generationen vor uns auf Lesbos gearbeitet, und in dieser Mühle war die Dampfmaschine aus Manchester die Kraft dahinter.

Warum steht die alte Technik heute still?

Weil die Presse mit dem Sauerstoff arbeitet, statt gegen ihn. Der Mattenturm ist ein offenes System, und Olivenöl reagiert auf Luftkontakt mit Oxidation. Die Matten haben zudem eine große innere Oberfläche, lassen sich schwer vollständig reinigen und können Öl- und Fruchtwasserreste aus dem vorherigen Durchgang halten. Das begünstigt Gärung und Fehlaromen.

Es ist keine Frage von gut und schlecht, sondern von Aufwand und Kontrolle. Franco Boeri Roi vom ligurischen Betrieb Olio Roi, der beide Linien parallel betreibt, nennt die Nachteile der Presse ausdrücklich beim Namen: Zeit und Sorgfalt für die Reinigung, Arbeitskosten, Platzbedarf. Wer sehr genau arbeitet, holt auch aus einer Presse hervorragendes Öl. Nur muss er dafür jeden Parameter im Griff haben, vom Stapeltempo bis zur Raumtemperatur.

Wir gewinnen unser Öl deshalb im Auszugsverfahren durch Schleudern unter Luftausschluss. Der Brei läuft über Schläuche in einen geschlossenen Dekanter, eine horizontale Zentrifuge, die Feststoffe abtrennt; ein Separator trennt danach Öl und Restwasser. Verarbeitet wird noch am Erntetag. Was dabei herauskommt, ist messbar: In der Ernte 2024/25 lagen die freien Fettsäuren bei 0,22 bis 0,26 Prozent, der Polyphenolgehalt bei 312 bis 370 mg/kg und die Peroxidzahl bei 7,2 meq O₂/kg, geprüft von Eurofins und dem World Olive Center.

Was darf "erste Kaltpressung" heißen, was "Kaltextraktion"?

Beides ist EU-rechtlich definiert, und die beiden Begriffe sind nicht austauschbar. Maßgeblich ist Artikel 10 der Delegierten Verordnung (EU) 2022/2104, die die frühere Verordnung 29/2012 ersetzt hat:

Angabe Zulässig für Verfahren Temperatur
erste Kaltpressung natives Olivenöl extra und natives Olivenöl erste mechanische Pressung in einem traditionellen Extraktionssystem mit hydraulischer Presse unter 27 °C
Kaltextraktion natives Olivenöl extra und natives Olivenöl Perkolation oder Zentrifugierung der Olivenmasse unter 27 °C

Quelle: Delegierte Verordnung (EU) 2022/2104, Artikel 10, konsolidierte Fassung vom 10.12.2023

Daraus folgt für uns eine klare Konsequenz. Weil in Skopelos die Presse ein Museumsstück ist und die Arbeit ein geschlossener Dekanter macht, wäre "erste Kaltpressung" auf unserem Etikett schlicht falsch. Korrekt ist kaltextrahiert.

Wichtig ist dabei, was keiner der beiden Begriffe leistet. Sie sind keine Güteklassen. Sie belegen ausschließlich, dass die Temperatur während der Gewinnung unter 27 °C geblieben ist. Über Sorte, Erntezeitpunkt, Polyphenolgehalt oder sensorische Qualität sagen sie nichts.

Häufige Fragen

Ist kaltgepresstes Olivenöl besser als kaltextrahiertes?

Nein, eher umgekehrt. "Kaltgepresst" beschreibt das ältere Verfahren mit Pressmatten und offenem Luftkontakt, "kaltextrahiert" die moderne Gewinnung in geschlossenen Zentrifugen. Beide Angaben garantieren nur die Temperaturgrenze von unter 27 °C. Das geschlossene System schützt besser vor Oxidation und lässt sich hygienisch zuverlässiger führen.

Was bedeutet die Temperaturgrenze von 27 Grad?

Sie ist die rechtliche Bedingung für beide Angaben. Bleibt die Olivenmasse während der Gewinnung unter 27 °C, darf das Öl als kaltgepresst oder kaltextrahiert bezeichnet werden. Höhere Temperaturen steigern die Ausbeute, treiben aber flüchtige Aromastoffe aus und setzen chemische Prozesse in Gang, die Geschmack und Haltbarkeit verändern.

Was ist ein Dekanter?

Ein Dekanter ist eine horizontale Zentrifuge, die den gemahlenen Olivenbrei durch Rotation in flüssige und feste Phase trennt. Der Brei wird über Schläuche zugeführt, das System bleibt geschlossen. Anschließend trennt ein Separator, eine vertikale Zentrifuge, das Öl vom restlichen Fruchtwasser. Gepresst wird dabei zu keinem Zeitpunkt.

Bedeutet "erste Kaltpressung" auf einem Etikett, dass tatsächlich gepresst wurde?

Rechtlich ja. Die Angabe ist nach EU-Recht nur zulässig, wenn das Öl aus der ersten mechanischen Pressung in einem traditionellen System mit hydraulischer Presse stammt. Weil die meisten Mühlen heute mit Zentrifugen arbeiten, ist der Begriff auf modern erzeugtem Öl fehl am Platz, auch wenn er noch geläufig klingt.

Wie schnell müssen die Oliven nach der Ernte in die Mühle?

So schnell wie möglich, denn ab dem Abpflücken beginnen Enzymprozesse und bei Druckstellen Gärung. Unsere Oliven werden von Hand geerntet und noch am Erntetag kalt extrahiert. Diese Stunden zwischen Baum und Dekanter entscheiden über freie Fettsäuren und Sensorik stärker als fast jeder andere Einzelschritt.

Fazit

Man könnte meinen, in dieser Mühle arbeiteten Tradition und Moderne Seite an Seite. Bei uns stimmt das nicht. Das Alte arbeitet nicht mehr. Es steht gut sichtbar da, als Erinnerung daran, wo wir herkommen, und als Erklärung dafür, warum auf unseren Flaschen kaltextrahiert steht.

Man betritt ein Haus von 1864 und arbeitet in einer Mühle von heute. Wenn du wissen willst, wie das schmeckt, findest du unser natives Olivenöl extra aus Kolovi und Adramitiani im Shop, mit veröffentlichten Laborwerten zu jeder Ernte.

Stand: Juli 2026. Geprüfte Quellen: Delegierte Verordnung (EU) 2022/2104, Artikel 10; Science Museum Group Collection und Graces Guide zu Peel, Williams & Peel; Olive Oil Times zu Presse versus Dekanter; eigene Laboranalysen Ernte 2024/25 (Eurofins, World Olive Center).

Über Bastian Jordan

Viele Beiträge stehen im Zusammenhang mit der Arbeit von Bastian Jordan, der Jordan Olivenöl in dritter Generation weiterentwickelt.

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